Abschied vom FeindbildZeitarbeit ist für viele Firmen längst Praxis / DGB setzt sich für tarifliche Mindeststandards ein
Nienburg. Rechtzeitig vor der erwarteten konjunkturellen Frühjahrsbelebung fand in der vergangenen Woche in der Arbeitsagentur die Nienburger Zeitarbeitsmesse statt. Dass es im Mittelzentrum Nienburg mittlerweile acht Zeitarbeitsfirmen gibt, unterstreicht den Stellenwert dieser Branche für den Mittelweserraum, und in der Tat nutzen immer mehr heimische Firmen das Potenzial der Personaldienstleister. Was manchen Messebesucher aber überraschte: Bereits zum zweiten Mal in Folge war auch der DGB auf der Messe vertreten. Der DGB – unter anderem in Person von Regionalsekretär Tom Seibert – nutzte seine Messe-Präsenz auch, um an Zeitarbeit Interessierte über die Chancen und Risiken der Branche zu beraten und sich in direkten Gesprächen mit den Personaldienstleistern der Region über die Situation der Zeitarbeitnehmer vor Ort zu informieren. Auch wenn Zeitarbeit längst als feste Größe am Wirtschaftsstandort Deutschland gilt, hat die Branche vielerorts noch mit einem Schmuddelimage zu kämpfen: Schlecht qualifizierte Arbeitnehmer würden zu Hungerlöhnen als neuzeitliche Sklavenarbeiter ohne Rechte vermietet. „Tatsache ist: Es gibt nach wie vor schwarze Schafe“, räumt Frauke Schacht, Geschäftsführerin der Nienburger Taurus-target-GmbH, im Gespräch mit Seibert ein. „Aber Kunden wie Mitarbeiter haben inzwischen eine Reihe von Möglichkeiten, sich im Vorfeld über die Qualität eines Personaldienstleisters zu erkundigen.“ So sei es für viele Zeitarbeitsunternehmen längst selbstverständlich, sich tariflich zu binden – mit allen Vorzügen und Rechten der Mitarbeiter. Die Anwendung der Tarifverträge des DGB mit den Zeitarbeitgeberverbänden IGZ und BZA sowie ein fairer Umgang mit den Mitarbeitern mit einem hohen Maß an sozialer und wirtschaftlicher Planungssicherheit – das sind nach Ansicht von Tom Seibert Mindeststandards für „gute“ Zeitarbeitsunternehmen. Und deren Zahl nimmt offenbar zu. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch, dass der DGB Abschied vom alten Feindbild Zeitarbeit genommen habe und sich weiter intensiv für den gesetzlichen und tariflichen Ausbau der Arbeitnehmerrechte einsetze: „Ziel der Gewerkschaften für Zeitarbeiter bleibt: Gleiche Bezahlung und gleiche Behandlung wie für die Stammbelegschaft!“ Zwar werde sich der Gewerkschaftsbund Entwicklungen in Richtung Lohndumping auch künftig verweigern. „Doch unbestritten besteht die Chance für Arbeitnehmer, von Zeitarbeit direkt in eine Anstellung in Industrie und Handwerk zu wechseln.“ Wichtig dabei: Zeitarbeit dürfe nicht dazu führen, Stammpersonal zu ersetzen. Eine solche Entwicklung ginge nicht nur zu Lasten der Arbeitnehmer; sie könne auch nicht Ziel der Arbeitgeber sein, „die auf Mitarbeiter angewiesen sind, die mit dem Unternehmen gewachsen sind und es besser kennen als das qualifizierteste Fremdpersonal.“ Solche Tendenzen scheinen in der Regel in Nienburg auch kein Thema zu sein: „In der Praxis erleben wir solche Bestrebungen nicht, noch nicht einmal ansatzweise“, beruhigt Taurus-Geschäftsführerin Schacht. In den Kreis-Nienburger Unternehmen diene Zeitpersonal ihrer Erfahrung nach vor allem dazu, Krankheitsausfälle auszugleichen oder Produktionsspitzen abzufangen. Wenn sich solche Spitzen in der Auslastung als mehr oder weniger dauerhaft erweisen, würden die Betriebe Personal fest einstellen – und nicht selten gerade die Männer und Frauen, die sie zuvor bei Personaldienstleistern „ausgeliehen“ haben. Im gleichen Maße, wie sich Zeitarbeit in Deutschland etabliert, scheint auch der Qualitätsanspruch zu steigen: Klagen gewerkschaftlich organisierter Arbeitnehmer und gewerkschaftsnaher Betriebe über unredliche Praktiken in der Zeitarbeit gingen zurück; im Gegenteil seien inzwischen etliche Personaldienstleister bestrebt, ihre externen Arbeitnehmer zu qualifizieren. „Da spielen uns der Wirtschaftsaufschwung und der sich verstärkende Fachkräftemangel in die Hände“, freut sich Gewerkschafter Seibert: „Für Zeitarbeitsunternehmen wird es immer schwieriger, reine Helferjobs zu besetzen. Gefragt sind qualifizierte Mitarbeiter. Das heißt: Auf Dauer werden sich nur Personaldienstleister am Markt halten können, die ihre Mitarbeiter entsprechend aufbauen und fortbilden.“ Und, so Seibert, diese Mitarbeiter auskömmlich bezahlen. Dieser Entwicklung stellt man sich auch in Nienburg. Taurus-target-Geschäftsführerin Schacht beispielsweise erklärt, man setze ein verstärktes Augenmerk auf die Weiterbildung der Mitarbeiter – teils in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit, teils mit anderen Partnern. Zeitarbeitnehmer sind in „ihren“ Unternehmen fest angestellt. Damit gelten für sie – sofern das jeweilige Unternehmen tariflich gebunden ist – alle tariflichen Vorzüge. Zwar tut man sich seitens des DGB noch schwer, Zeitarbeit in der Masse als „ganz normales“ Beschäftigungsverhältnis zu sehen. „Aber“, betont Tom Seibert, „die Tarifverträge zwischen DGB und IGZ beziehungsweise BZA sind eine gute Grundlage für die soziale und wirtschaftliche Absicherung der Arbeitnehmer.“ Dass es bereits Beschäftigte gibt, die lieber bei einem Personaldienstleister bleiben, als in einen Kundenbetrieb zu wechseln, sei ein Beleg für die positive Entwicklung der Branche. Hohe Standards, gute ChancenDie Firma Hartje in Hoya greift bei den branchenbedingt regelmäßig auftretenden Produktionsspitzen seit vielen Jahren auf Zeitarbeit zurück. Allerdings gelten dabei strenge Regeln, was das Partnerunternehmen angeht: Man erwarte nicht nur den Anforderungen entsprechendes, zuverlässiges Personal; die Leiharbeitnehmer müssten sich in „ihrem“ Unternehmen auch wohl fühlen, „denn wir brauchen motivierte Mitarbeiter“. Wer sich im Einsatz bewährt, habe die Chance auf Übernahme: „Wenn wir Stellen neu besetzen müssen, sind bekannte und bewährte Kolleginnen und Kollegen unsere erste Wahl.“ Quasi ein PraxistestIm Nienburger Unternehmen NIKU GmbH deckt man Personalengpässe mit Zeitarbeitskräften ab. „Wenn ein Personaldienstleister unsere Anforderungen erfüllt, spricht aus unserer Sicht nichts gegen eine Zusammenarbeit.“ Im Gegenteil: Der Einsatz bei NIKU komme für das Leihpersonal einem Praxistest gleich: „Wer sich bewährt, hat im Bedarfsfall immer die Chance auf eine Übernahme. Brauchen wir zusätzliches Stammpersonal, kommen wir gern auf Mitarbeiter zurück, die wir schon kennen und die im Unternehmen bereits Erfahrungen gesammelt haben.“ Chance, sich zu präsentierenBei der Firma Bremskerl Reibbelagwerke in Leeseringen dient Zeitpersonal ganz im klassischen Sinne dem Abfedern personeller Engpässe. Gleichzeitig schätzt man im Unternehmen aber die Möglichkeit, über Zeitarbeit an neues Stammpersonal zu gelangen: „Leiharbeit gibt uns die Möglichkeit, schnell auf kurzfristige Personalbedarfe zu reagieren. Für die Leiharbeiter/innen bedeutet der Einsatz in unserem Unternehmen aber auch immer die Chance, sich im Arbeitsprozess zu präsentieren. So haben wir in den vergangenen zweieinhalb Jahren bereits 16 Zeitarbeitskräfte in Bremskerl-Arbeitsverhältnisse übernommen." „Zeitarbeitsfirmen bringen qualifizierte Arbeitskräfte“Acht Nienburger Zeitarbeitsfirmen waren bei der Zeitarbeitsmesse in der Arbeitsagentur vertreten – für ein Mittelzentrum eine beachtliche Zahl, hinter der sich entsprechend Arbeitskräfte und Steuerpotenzial verbirgt. Nienburgs Bürgermeister Henning Onkes schätzt die arbeitsmarktpolitische Bedeutung der Personaldienstleister hoch ein: „Zeitarbeitsfirmen leisten einen erheblichen Beitrag dazu, Menschen ohne Anstellung wieder in den ersten Arbeitsmarkt zu integrieren.“ Zum Einen erhöhten die regionalen Personaldienstleister die Flexibilität der heimischen Firmen; zum anderen würden die Unternehmen mit qualifizierten Arbeitskräften versorgt, „das führt dazu, dass der Wirtschaftsstandort Nienburg Pluspunkte sammelt“. Zeitarbeit Indikator für Kräftebedarf
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